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Der Computer als Werkzeug der praktischen Kunst und der Kunstwissenschaft
Plottergrafik von F. Nake

Op Art wie Ornamentik fordern auf Grund des großen Arbeitsaufwandes bei häufiger Wiederholung von Grundelementen und der im allgemeinen gewünschten hohen handwerklichen Präzision der Ausführung dazu heraus, den Computer als Werkzeug zu benutzen. Tatsächlich könnte man Op Art zum Teil als eine Vorwegnahme von Computerkunst ohne Hilfe des Computers ansehen. Zum Teil bedient sie sich tatsächlich dieses Werkzeuges. Andererseits gibt es auch Werke der praktischen Computerkunst, die in ganz andere Richtungen weisen. Zu den bemerkenswert frühen Versuchen (ab 1963), Kunstobjekte mit dem Computer zu erzeugen, gehören Werke von Georg Nees (geb. 1926) und Frieder Nake (geb. 1938). In beiden Fällen handelt es sich um Computerpioniere, die die Möglichkeiten des Computers zur Generierung von Kunst in einer Zeit zu testen begannen, als die so folgenreiche Kopplung von Computer und Bildschirm noch nicht vollzogen war und es auch noch nicht die heute zum Alltag gehörenden grafikfähigen Drucker gab. Man programmierte ein Objekt und ließ sich das Resultat von einem Plotter (automatisch gesteuerter Zeichentisch) oder auch nur auf dem Endlospapier ausdrucken. Die Grafik von F. Nake, gezeichnet am 13.9.1965 von einem ZUSE-Plotter, ist hier ausgewählt, weil sie den sehr frühen Beginn der künstlerischen Computergrafik dokumentiert. Sie wurde 1966 mit dem ersten Preis im Wettbewerb "Computer Art Contest" der neu gegründeten Zeitschrift "Computers and Automation" ausgezeichnet.

Niederländische Briefmarken

Das obere Bild zeigt die ersten als Briefmarkenmotive verwendeten Computergrafiken. Sie erschienen 1970 in den Niederlanden. Die beiden rechten Bilder illustrieren besonders deutlich, daß der Computer häufig als fleißiger Zeichner benutzt wurde, wobei im Linken die Idee zugrundeliegt, eine dekorative Wirkung durch das systematische Auflisten einer Reihe von Varianten eines Grundmusters zu erzielen. 11.5 führt uns noch einmal zu der Idee zurück, die Eschers Kreislimits (siehe Abschnitt Axiom des Euklid) zugrundeliegt: Man erhält ein Ornament im weiteren Sinne dadurch, daß man das Grundmotiv nicht kongruent abbildet, sondern andere Abbildungsgruppen benutzt, insbesondere solche, die das Motiv immer weiter verkleinern. Die so entstehenden Gebilde weisen die sogenannte Selbstähnlichkeit auf. Ein großes Teilgebiet der aktuellen geometrischen Forschung beschäftigt sich mit diesen fraktalen Gebilden, motiviert u.a. dadurch, daß Formen der (belebten wie der unbelebten) Natur häufig in erster Näherung nach derartigen Prinzipien aufgebaut sind. Freilich gilt auch hier wie sonst, daß alles, was sich übertreiben läßt, auch übertrieben wird. So nimmt die fraktale Geometrie gelegentlich sektenhafte Züge an.

Die noch sehr bescheidenen technischen Möglichkeiten schränkten Computergrafik anfangs auf der Op Art nahestehende Stilmittel, teilweise jedoch schon unter Einbeziehung von Zufallsmechanismen, ein. Inzwischen gibt es praktisch keine Art von Bild, die dem Computer nicht möglich ist (jedoch sehr viel, was ohne Computer nicht möglich wäre). Seit 1979 findet jährlich in Linz die Ars Electronica als Wettbewerb und Ausstellung statt.


Anatomie des Dr. Tulp

Eine zweite Seite der Beziehungen zwischen Computer und Kunst ist die Widerspiegelung der Existenz der Informatik mit künstlerischen Mitteln. Dem brieflesenden Mädchen von Jan Vermeer van Delft ließ Henryk Berg 1984 auf der X. Kunstausstellung der DDR einen Lochstreifen zum Fenster hereinflattern, die Gelehrten der Anatomie des Doktor Tulp von Rembrandt beugen sich mit Interesse über einen Bildschirm statt über eine zu sezierende Leiche, der arme Poet von Spitzweg schreibt seine Gedichte auf dem Notebook. Ein Baby beißt in einen Taschenrechner. Oft sind dies Buchumschläge oder Firmenreklamen, also Gebrauchsgrafik - aber wird nicht auch von der Musik, die im 20. Jahrhundert komponiert wurde, möglicherweise gerade von dem einiges in die Geschichte eingehen, was nicht im Konzertsaal aufgeführt wurde?


Brieflesendes Mädchen Armer Poet Baby

Ungarische Briefmarke

Plottergrafik von F. Nake

Niederländische Briefmarken



Anatomie des Dr. Tulp

Brieflesendes Mädchen

Armer Poet

Baby

Ungarische Briefmarke

Wie unser Objekt 11.9b zeigt, können fraktale Objekte auch dreidimensional sein. Der Computer scheidet in diesem Fall als direktes Werkzeug zu ihrer näherungsweisen Herstellung aus. Fleißige und geschickte Hände sind gefragt. Die Idee, einen platonischen Körper als schwammartiges Gebilde aus zu ihm ähnlichen kleineren Körpern zu erzeugen und dieses Verfahren (zumindest in Gedanken beliebig oft) zu iterieren, erschien vielleicht erstmals auf der ungarischen Briefmarke, die anläßlich des 2. Europäischen Mathematikerkongresses Budapest 1996 ausgegeben wurde. Der Mathematiklehrer Wilhelm Sternemann am Gymnasium Canisianum in Lüdinghausen hat sie mit seinen Schüler(inne)n Maike Mevenkamp, Janina Schlenkert, Caroline Schenk und Sven Rusche realisiert. Sie bauten für unsere Ausstellung ein Modell des "Ikosaederschwammes". Es bestätigt ein weiteres Mal den ästhetischen Reiz von Objekten, die einem mathematischen Gesetz unterliegen, und es zeigt zugleich eine der Grenzen, die dem Computer (zur Zeit noch?) gesetzt sind: Er kann, mit einem der üblichen Drucker kombiniert, nur Zweidimensionales erschaffen. Ersetzt man den Drucker durch räumlich wirkende Werkzeuge (wie im Fall des Industrie- oder Medizin-Roboters), so ist das Spektrum der ausführbaren Tätigkeiten recht beschränkt.

Während die Produktion von Objekten, die einem künstlerischen oder zumindest dekorativen oder illustrativen Anliegen ihres Schöpfers genügen sollen, bei der heutigen Verbreitung des Computers und der hochentwickelten und oft preiswerten Bildbearbeitungs-Software längst zur Massenerscheinung geworden ist, sind die Anwendungen des Computers in der Kunstwissenschaft der Öffentlichkeit zur Zeit noch nicht so bewußt. Diese Anwendungen lassen sich ganz grob klassifizieren in solche, die das einzelne Werk betreffen, und solche, bei denen analog zur Computeranwendung in anderen Bereichen menschlicher Betriebsamkeit Information gesammelt, klassifiziert, aktualisiert und weltweit zugänglich gemacht wird. Die erstgenannte Art liegt z.B. vor, wenn aus Kunstwerken Stilmerkmale automatisch extrahiert werden, um damit später die Zuordnung von Werken unsicherer Herkunft oder unsicherer Entstehungszeit zu unterstützen oder raffinierten Fälschungen auf die Spur zu kommen. Freilich muß man dazu sagen, daß das, was bei der Untersuchung von Literatur- oder Musikwerken wegen deren Eindimensionalität schon ziemlich lange mit wachsendem Erfolg praktiziert wird (vgl. dazu z.B. [Völz]), bezüglich der Anwendung auf zwei- und dreidimensionale Kunstwerke noch in den Kinderschuhen steckt und zwar sowohl wegen des dazu nötigen ungeheuren Zeit- und Speicherbedarfs als auch wegen grundsätzlich noch unzureichenden theoretischen Vorlaufs. Auch hier zeichnet sich eine interessante Richtung der Zusammenarbeit zwischen Mathematikern, Informatikern und Kunstwissenschaftlern ab, siehe dazu "Was ist Bildwissenschaft?".

Die zweitgenannte Richtung der Computeranwendung versteht sich fast von selbst, nachdem fast jedermann ein Grundwissen über den Einsatz von Computern in Verwaltung und Organisation sowie über das Internet hat. Klar, daß jedes Museum längst seinen Bestand per Computer katalogisiert, daß der Kunsthandel seine Angebote per Internet verbreitet, daß man sich Informationen über Institutionen, Ausstellungen, Personen und Werke durch das Internet verschaffen kann, daß Meldungen über gestohlene oder sonst vermisste Kunstwerke per Internet verbreitet werden können. Wir bieten unseren Besuchern eine Startseite mit links zu vielerlei derartigen Informationen.


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