Direkt zum Seiteninhalt

Wegweiser für:     Start Mathematik und Mathematiker als Objekte der Kunst
Mathematik und Mathematiker als Objekte der Kunst

Während es unzählige bildliche und plastische Darstellungen bestimmter Mathematiker und, wie wir oben sahen, nicht wenige Darstellungen mathematischer Objekte oder Begriffe im Sinne der verallgemeinerten darstellenden Geometrie gibt, ist die Zahl solcher Kunstobjekte, die ohne Bezug auf eine bestimmte Person etwas über die Mathematik als Ganzes, als gesellschaftliche Erscheinung oder ihre Stellung in der Welt aussagen, ziemlich klein.


Holzschnitt von Reisch Die Schule von Athen

Als erstes Beispiel zeigen wir den bei Mathematikern sehr gut bekannten Holzschnitt aus dem Buch "Margarita philosophica" von Gregor Reisch (1504), der allegorisch den damals aktuellen Wettstreit zwischen dem von den Römern übernommenen Abacus (d.h. das Rechnen mit Rechensteinen auf einem liniierten Rechentisch, -brett oder -tuch oder mit Kugeln, die auf Drähten verschoben werden) und dem aus dem Orient vordringenden algorithmischen Rechnen zeigt. Auf dem Holzschnitt sind die Anhänger des Abacusrechnens (irrtümlich) durch Pythagoras (um 580-um 500 v. Chr.) und die Anhänger des fortschrittlicheren algorithmischen Rechnens (ebenso falsch) durch den Römer Boetius (480?-525?) repräsentiert. Auch sie sind mit den entsprechenden Namen benannt. Im Hintergrund steht als Schiedsrichterin die personifizierte Arithmetik, und an den Mimiken der Kontrahenten ist deutlich zu sehen, wie der Wettstreit ausgegangen ist. Indem der Holzschnitt auf drastisch-humorvolle Weise das Unterliegen der alten Rechenmethode illustriert, stellt er ein damals zentrales Problem der Alltagsmathematik dar, das jeden betraf, der rechnen mußte. Unwillkürlich fragt man sich, ob und wie man die heutige Situation desjenigen Teils der Mathematik, mit dem nicht nur die professionellen Mathematiker in Berührung kommen, und ihre Stellung in der Welt ähnlich überzeugend künstlerisch umsetzen könnte. Am ehesten gelingt dies vielleicht einer bestimmten Art von in Mode gekommenen Collagen und Fotomontagen, bei denen klassische Bilder mit Versatzstücken aus der Computertechnik kombiniert werden, zu denen auch das Plakat unserer Ausstellung gehört.

Rechts daneben sieht man das berühmte Wandbild "Schule von Athen" (1508-11) von Raffael, das sich in der Stanza della Segnatura des Vatikan befindet. Mit der "Schule" ist offenbar die Akademie des Platon gemeint, die jedoch - typisch für die Renaissance - in einen Bau aus der Zeit Raffaels verlegt ist. Die auf dem Bild sichtbaren Personen stellen berühmte Gelehrte der Antike wie Euklid, Archimedes, Ptolemaios dar, tragen jedoch die Züge von Zeitgenossen Raffaels: Leonardo da Vinci, Michelangelo, Bramante,...

Euklid auf dem
Schönen Brunnen (Nürnberg)
Frontispiz zu Opera Omnia

Die Figur des Euklid auf dem Schönen Brunnen in Nürnberg könnte man natürlich auch den Mathematikerbildnissen zurechnen. Abgesehen davon, dass Porträtähnlichkeit bei der nachträglichen Darstellung antiker Personen nicht erwartet werden kann, ist ihre Funktion aber hier die Personifizierung der Geometrie als einer der sieben freien Künste des mittelalterlichen Universitätsstudiums. Zusammen mit Personifizierungen der Arithmetik, Astronomie, Harmonielehre (die vier im damaligen Sinne mathematischen Wissenschaften des Quadriviums) und der Rhetorik, Grammatik und Dialektik (dem Trivium) sowie der durch Aristoteles personifizierten Philosophie bilden sie die unterste Etage dieses um 1596 vollendeten 19 Meter hohen Brunnens mit insgesamt 40 Figuren auf dem Nürnberger Hauptmarkt [Zintl, 1993]. Damit beim Betrachter keine Zweifel über die Figuren und ihre Bedeutung aufkommen können, trägt Euklid wie alle anderen Figuren auf einem Spruchband seinen Namen, außerdem in der Hand einen Zirkel und einen rechten Winkel.

Rechts daneben sehen wir das Frontispiz zu den von David Gregory 1703 in Oxford herausgegebenen "Opera omnia" des Euklid. Der Text darunter weist das Bild als Illustration zu einer interessanten Stelle in den "Zehn Büchern über Architektur" von Vitruv (1.Jh) aus: Der Sokratesschüler Aristippos ist mit einigen Gefährten am Ufer einer ihm unbekannten Insel (es handelt sich um Rhodos) gestrandet. Beim Anblick einer in den Sand geritzten geometrischen Figur sagt er sinngemäß: "Freunde, wir können Hoffnung schöpfen, zivilisierte Menschen nahe und daher außer Gefahr zu sein." Geometrie demnach als Symptom humanistischer Gesinnung? So gern wir Mathematiker uns in solchem Ruf sehen würden, so muss man doch aus heutiger Sicht an die vielen (und zum Teil schon praktizierten) Möglichkeiten denken, auch mit der Mathematik Missbrauch zum Schaden der Menschheit zu treiben.


Hand aus den Musei Capitolini

Gelegentlich ist der Bezug eines Kunstwerkes zur Mathematik so speziell, dass es besonderer Kenntnisse bedarf, ihn zu entdecken. Heinz Lüneburg (Universität Kaiserslautern) verdanken wir das folgende Beispiel. Er fotografierte in den Musei Capitolini in Rom die hier gezeigte steinerne Hand und gestattete uns freundlicherweise die Verwendung seines Bildes. Dem Laien wird nur die bis ins Detail naturalistische Wiedergabe einer Hand auffallen, und ihre Gebärde wird er womöglich als "mahnend erhoben" interpretieren. Wer jedoch die um die Zeitenwende im gesamten römischen Reich und noch im Mittelalter verbreitete Methode kennt, Zahlen zwischen 1 und 9999 durch Stellungen beider Hände bei Zwischenrechnungen (mit den Worten von H. Lüneburg) "dynamisch" zu speichern, erkennt in der Haltung der Hand die Zahl 2900. Dabei ist wichtig, dass es sich um die rechte Hand handelt: Die linke Hand speichert die Zahlen von 1 bis 99, die rechte Hand mit den gleichen Gebärden die jeweils mit 100 multiplizierte Zahl Die ausführliche Erklärung der Fingerzahlen und ihres Gebrauchs kann man in Lüneburgs Buch Leonardi Pisani Liber Abbaci oder Lesevergnügen eines Mathematikers, 2. Auflage, Mannheim-Leipzig-Wien-Zürich, 1993, S. 50f oder bei Karl Menninger: Zahlwort und Ziffer, 2. Auflage, Göttingen 1958 nachlesen.


Antike Büste
des Archimedes
Archimedes-Plastik
von Gerhard Thieme

Kommen wir nun zu den Mathematiker-Porträts und -denkmalen. Davon gibt es tausende, und wir können hier nur an einigen Beispielen aus verschiedenen Epochen Typisches oder Bemerkenswertes zeigen. Zu den ältesten derartigen Kunstobjekten gehören Porträtbüsten antiker Gelehrter wie Platon, Aristoteles, Ptolemaios aus römischer Zeit, die sicher niemals Porträtähnlichkeit beanspruchen können, da sie lange nach dem Tod der betreffenden Personen entstanden. Dennoch haben sie durch ihre häufige Reproduktion im Laufe der Zeit bewirkt, daß man sie erkennt und sich den Betreffenden unwillkürlich gerade so vorstellt. Als Beispiel zeigen wir die antike Büste des Archimedes von Syracus (287?-212 v. Chr.) (Museo di Capodimonte, Neapel). Während der Zusammenhang zwischen Büste und Person hier nur durch kunsthistorisches Wissen hergestellt wird, ist bei der zeitgenössischen Archimedesplastik des Bildhauers Gerhard Thieme der Bezug ohne Inschrift für jeden Betrachter klar, der etwas über Archimedes und insbesondere über die Legende von seinem Tod weiß. Diese Plastik entstand ursprünglich als Auftragswerk für den Universitätscampus Würzburg. 1977/78 hat der Künstler noch vier nicht identische Varianten geschaffen, die vor Sankt Marien in Güstrow, vor der Bibliothek der Universität Magdeburg, im Park der Archenhold-Sternwarte in Berlin-Treptow und auf dem Hof einer Schule in Ellrich (Südharz) aufgestellt wurden. Wir zeigen die Varianten aus Treptow und Güstrow.


Archimedes-Plastik in Güstrow Archimedes' Tod

Auch das römische Mosaik, das den eindringenden Söldner einbezieht, lässt ohne weitere Erklärung erkennen, dass es sich um den Tod des Archimedes handelt. Dem Archimedes wurden zahlreiche weitere Kunstwerke gewidmet, u.a. barocke Phantasieporträts von Domenico Fetti (1589-1624) und Jusepe de Ribera (1591-1652) und ein (in zwei Varianten existierendes) Gemälde "Seneca entdeckt das Grab des Archimedes".


Buchillustration mit Nicole de Oresme

Aus der im engeren Sinne mittelalterlichen Kunst zeigen wir eine Buchillustration, die den Bischof der Normandie Nicole de Oresme (um 1323-1382) darstellt. Oresme bettete in einer für seine Zeit typischen Weise mathematische und naturphilosophische Studien in seine theologische Tätigkeit ein. Die Mathematik verdankt ihm u.a. die erste Überlegung, warum die Summe 1 + 1/2 + 1/3 + 1/4 + ... aller Stammbrüche jede endliche Schranke übertrifft, sowie die Einführung gebrochener Exponenten und Regeln für das Rechnen mit Potenzen. Auf dem Bild weist ihn in ebenfalls zeittypischer Weise eine Armillarsphäre (ein einfaches Modell des geozentrischen astronomischen Systems) als einen den mathematischen Wissenschaften zugeneigten Gelehrten aus.


Stephansdom in Wien

Während Nicole de Oresme sozusagen ein Vertreter der theoretischen Mathematik des Mittelalters ist, können wir auch einen Vertreter der damaligen praktischen Mathematik zeigen: den Bildhauer und Dombaumeister Anton Pilgram (um 1450 - um 1515). Er hat sich wie auch einige seiner Kollegen in den von ihnen geschaffenen Kirchen selbst porträtiert. Das gezeigte Bild ist aus dem Stephansdom in Wien. Dort gibt es sogar noch ein zweites Selbstporträt von Pilgram, das als "Fenstergucker" bekannt ist. In beiden Bildwerken charakterisiert sich Pilgram, der vermutlich in Brno geboren wurde, durch die geometrischen Konstruktionsinstrumente in seinen Händen. Mehr über die Dombauhütten und ihre Traditionen findet man in dem Büchlein von F. Kaderavek.


Porträt des Euklid

Das Phantasieporträt des Euklid gehört zu einer Serie von 28 Bildern berühmter Wissenschaftler und Dichter, die der niederländische Maler Joos van Wassenhove (auch als Justus van Gent bekannt, um 1435 - nach 1480) im Auftrag des Herzogs Federico da Montefeltro von Urbino malte. Derselbe Herzog begegnet uns auch als Mäzen des Luca Pacioli und vermutlicher Sponsor des berühmten Bildes unten, das wahrscheinlich ihn selbst in Gesellschaft des Luca Pacioli zeigt. Während Euklid sonst fast immer als alter und ethnisch neutraler Mann dargestellt wird, ist er hier offenbar noch in den besten Jahren und offenkundig mediterranen Geblüts. Wundern müssen wir uns heute darüber, dass ausgerechnet ein Bild, welches den Euklid darstellen soll, auf geometrisch so unbefriedigende Weise gemalt und von dem wissenschaftsbegeisterten Herzog offenbar auch akzeptiert wurde: Der wie auf dem Bild gehaltene Zirkel und wahrscheinlich auch die Tafel müssten dem Geometer sofort aus den Händen fallen.


Pacioli mit Guidobaldo da Montefeltro

Zu den bekanntesten Mathematikerporträts der Renaissance zählt das in Neapel befindliche Bild des Luca Pacioli (1445-1517) mit seinem Schüler und Mäzen, dem Herzog Guidobaldo da Montefeltro (der wohl auch das Bild in Auftrag gegeben und bezahlt hat.) Es wurde von Jacob Welch (in Italien als Jacopo de' Barbari, 1440-1515) geschaffen, der auch zeitweise in Nürnberg gearbeitethatte und mit Dürer in Kontakt stand. Die Wendung, die die Dinge inzwischen genommen haben, ist an den Bildbeigaben erkennbar: Die Armillarsphäre oder der Zirkel sind keineswegs mehr die einzigen Attribute, mit denen der Künstler einen Mathematiker als solchen kenntlich machen kann. Der von oben herabhängende archimedisch halbreguläre Körper sollte übrigens im 20. Jahrhundert den Anstoß zur überraschenden Entdeckung eines bis dahin übersehenen solchen Körpers geben: Verdreht man die obere oder untere der drei Schichten, aus denen er aufgebaut ist, um 45 Grad, so erhält man einen Körper, der zwar der klassischen Definition der archimedischen Polyeder genügt, jedoch sind seine Ecken trotzdem nicht paarweise ununterscheidbar.

Zu den ganz wichtigen und vielseitigen Mathematikern zählte Pierre de Fermat (16081-1665). Von den verschiedenen Kunstwerken, die Fermat gewidmet wurden, zeigen wir die weniger bekannte Skulptur (1898) von Théophile Eugéne Victor Barrau (1848-1913) im Rathaus zu Toulouse. Die Dame auf dem Schoß Fermats soll die ihn inspirierende Muse sein. Man brauchte eben an der Wende zum 20. Jahrhundert immer einen Vorwand, gut gebaute nackte Damen darzustellen. Daß aber Fermat eine Muse gehabt haben muß, unterliegt keinem Zweifel: Er gehört zu den Begründern von vier großen mathematischen Disziplinen, der Differentialrechnung, der Wahrscheinlichkeitsrechnung, der Koordinatengeometrie und der Zahlentheorie. Eine seiner zahlentheoretischen Behauptungen, daß nämlich für n > 2 die zum Satz des Pythagoras a2 + b2 = c2 analoge Gleichung nicht mehr durch ganze Zahlen a, b, c erfüllt werden kann, hat mehr als 330 Jahre lang allen Beweisversuchen der berühmtesten Mathematiker widerstanden und wurde erst 1995/97 von Andrew Wiles endgültig bewiesen. Interessenten sei dazu das populäre Buch von [Singh, 1998] empfohlen.


Newton von W. Blake Büste von Rysbrack
Grabmalsentwurf

Bilder und Büsten können der Nachwelt den Eindruck eines "Heroen" vermitteln, den es so nie gegeben hat. Als 1735 in Stowe nahe Buckingham (England) eine erste Gedenkstätte für berühmte Briten errichtet wurde, der Tempel der "British Worthies", stand dort neben den Büsten von Elisabeth I., Francis Bacon, John Locke und Shakespeare unter anderem auch ein Newton, den niemand, der ein Bild des lebenden Newton gesehen hat, als Newton identifizieren würde, vergleichbar vielleicht der Heldenpose des Vigelandschen Abel. Der Schöpfer dieser Büste war Michael Rysbrack. Der französische Architekt Etienne-Louis Boullée (1728-1799) entwarf 1784 ein bombastisches Grabmal in Kugelform für Newton und schrieb dazu: "Oh Newton! Mit dem Rang Eurer Intelligenz und der sublimen Natur Eures Genius habt Ihr die Form der Erde bestimmt. Ich stelle mir vor, Euch mit Eurer Entdeckung zu umhüllen." Vielleicht war es eine Reaktion auf diesen übertriebenen Heldenkult, gemischt mit der Tradition des im Sande zeichnenden Archimedes, die den skandalumwitterten frühromatischen englischen Maler und Dichter William Blake (1757-1827) zu seinem absonderlichen Newtonbild (1795) veranlasste.


Porträt von René Descartes Seitenverkehrte Kopie

Die gemalten oder gezeichneten Mathematikerbildnisse aus der Zeit vor der Erfindung der Fotografie sind wichtige Requisiten der Wissenschaftsgeschichte, und sie sind auch immer dann gefragt, wenn es gilt, einen berühmten Gelehrten z.B. anläßlich eines runden Jubliäums durch eine Biographie, ein Denkmal, eine Tagung oder eine Briefmarke zu ehren. Obwohl es sehr viele solche Bilder gibt, kam es nur sehr selten vor, daß der Künstler, der das Bild schuf, heute von etwa gleicher Berühmtheit wie der Porträtierte ist. Ein Ausnahmefall ist das Porträt rechts, das Frans Hals (1580?-1666) etwa im September 1649 von dem Mathematiker und Philosophen René Descartes (1596-1650), dem neben Fermat zweiten Vater der Koordinatenmethode, schuf. Es hat eine seltsame Geschichte: Da nach dem plötzlichen Tod von Descartes am schwedischen Königshof im Februar 1650 so viele ein Bild des schon damals sehr berühmten und geschätzten Mannes haben wollten, entstanden noch im 17. Jh. mehrere Kopien, zum Teil sogar seitenverkehrt (siehe das beigegebene kleine Bild) und mit deutlich unterschiedlichem Gesichtsausdruck. Das Original befindet sich im Besitz der dänischen Carlsbergstiftung und ist leider in sehr schlechtem Zustand [Slive, 1989]. In der mathematischen Literatur sind Abbildungen unterschiedlicher Kopien verbreitet, meist ohne genaue Angabe der Herkunft.


Jugendbild Descartes Descartes-Porträt von Weenix Simsfigur im Louvre

Das Jugendbild ist von unbekannter Hand, und vermutlich nicht authentisch. Das zweite wurde 1647 von dem holländischen Porträtmaler Jan Baptist Weenix (1621-1660) gemalt. Beide sind in der mathematikhistorischen Fachliteratur ganz unbekannt.

Der Fall Descartes wirft die Frage auf, wie weit man historischen Wissenschaftler-Porträts vertrauen bzw. Authentizität unterstellen darf. Wir erwähnen dazu noch zwei schockierende Beispiele:

Porträt von Christoph Clavius
  1. Das rechts gezeigte Porträt existiert in zwei praktisch identischen Varianten in Rom und in Graz. Laut Unterschrift zeigt jedoch das Bild in Rom den jesuitischen Mathematiker Christoph Clavius (1537 - 1612), das Bild in Graz den ebenso bekannten und bedeutenden jesuitischen Mathematiker Paul Guldin (1577 - 1643). Das Bild von Clavius ist nach Auskunft von Dr. Andreas Pechtl (Mainz) ein Kupferstich von Francesco Villamena (1566 - 1624) von guter Qualität und vermutlich authentisch. Das Porträt von Guldin wurde, da es das Todesjahr von Guldin nennt, erst nach 1642 in Öl von unbekannter Hand gemalt, wobei als Vorlage offenbar ein Exemplar des genannten Kupferstiches diente.


    Rumänische
    Briefmarke
    Ungarische
    Briefmarke
  2. Im 100. Todesjahr 1960 des ungarischen Mathematikers Janos v. Bolyai, dessen Heimat heute zu Rumänien gehört, verlangte das rumänische Postministerium zwecks Ausgabe einer Gedenkbriefmarke von den örtlichen Behörden ein Bild des berühmten Mannes. Unter den damaligen Verhältnissen traute man sich anscheinend nicht zu antworten, dass es ein solches Bild nicht gibt, und sandte das zufällig vorhandene Bild eines Zeitgenossen Bolyais (vermutlich ein Angehöriger der Familie Habsburg). Die ungarische Post kopierte noch im gleichen Jahr dieses Bild auf einer ungarischen Gedenkmarke für Bolyai. Seitdem dienten diese Pseudoporträts im Vertrauen auf Authentizität als Vorlage für Illustrationen von Artikeln über Bolyai und die nichteuklidische Geometrie in zahlreichen Büchern und Lexika.

Porträt von Felix Klein Vigelands Abel

Mit einem großen Zeitsprung gelangen wir zu einem zweiten Fall, in dem ein berühmter Maler einen berühmten Mathematiker porträtierte: Max Liebermann (1847-1935) malte den bereits mehrfach erwähnten Felix Klein. Das Bild hängt im Mathematischen Institut der Universität Göttingen. Klein seinerseits, dessen Sinn fürs Moderne offenbar in der Kunst nicht im gleichen Maße entwickelt war wie in der Mathematik, hat sich in seinem Buch Vorlesungen über die Entwicklung der Mathematik im 19. Jahrhundert (posthum 1926) sehr kritisch über das Werk eines zumindest in seiner norwegischen Heimat sehr berühmten Bildhauers geäußert: Gustaf Vigeland (1869-1943) schuf das Denkmal für den norwegischen Mathematiker Nils Henrik Abel (1802-1829), das 1908 vor dem Osloer Schloß aufgestellt wurde. Klein schrieb darüber:


Ich kann es mir nicht versagen, bei dieser Gelegenheit an das ganz anders geartete Denkmal zu erinnern, das statt dessen für Abel in Kristiania errichtet wurde und das jeden, der seine Natur kennt, schwer enttäuschen muß. Auf einem hochragenden steilen Granitblock schreitet ein jugendlicher Athlet vom Byronschen Typus über zwei gräuliche Opfer hinweg in die Höhe. Kann man den Helden allenfalls noch als Symbol des menschlichen Geistes auffassen, so fragt man sich vergeblich nach der tieferen Bedeutung dieser Ungeheuer. Sind es die besiegten Gleichungen fünften Grades oder die elliptischen Funktionen? Oder Kummer und Sorge des täglichen Lebens?

Abel-Denkmal
in Oslo-Blindern
Abel-Denkmal
in Froland Verk

Vigelands Abel entstand im Ergebnis eines 1902 anläßlich von Abels 100. Geburtstag ausgeschriebenen Wettbewerbs. Den ersten Preis erhielt damals ein Entwurf von Ingebriks Vik (1867-1927), der erst um 1965 realisiert wurde und seitdem auf dem neuen Campus Oslo-Blindern steht. Felix Klein hätte er wahrscheinlich besser gefallen. Der zweite Preis ging an einen Entwurf des Bildhauers Gustav Lærum, welcher nun durch Per Ung und Roald Kluge erweitert und ausgeführt wurde. Die Einweihung des Denkmals in Froland Verk war am 5.8.2002.


Bernard Bolzano

Der Name des in Prag geborenen Mathematikers, Logikers und Moraltheologen Bernard Bolzano (1781-1849) ist bis heute mit mehreren wichtigen Begriffen und Sätzen verbunden, die jeder Mathematikstudent schon im ersten Jahr lernt. Bolzano verbrachte jedoch, da er unter dem Metternich-Regime politisch untragbar war, die letzten 25 Jahre seines Lebens abgeschieden, von der Wohltätigkeit von Freunden lebend, ohne Wirkungsmöglichkeit und konnte kaum etwas publizieren. Erst in der Gegenwart wird sein umfangreiches Werk vollständig publiziert (120 Bände geplant!). Das Porträt, das der Wiener Maler Heinrich Hollpein (1814-1853) um 1839 von Bolzano schuf, befindet sich im Tschechischen Nationalmuseum in Prag. Auch dieses Gemälde demonstriert eindrucksvoll, dass ein meisterhaft gemaltes Porträt mehr über einen Menschen aussagen kann als ein Foto.


Copernicus-Denkmal in Torun

Seit der Erfindung der Fotografie ist das vorher unverzichtbare realistische Porträt wenig gefragt (obwohl es immer noch mehr über eine Person aussagen kann als eine Momentaufnahme). Künstler, die den Auftrag für ein Denkmal erhalten, sind mehr als je zuvor gefordert, symbolisch etwas über das Wesen und die Leistung des Gewürdigten auszusagen. Ein besonders gelungenes Beispiel ist das Denkmal in Torun für den großen Sohn dieser Stadt Nicolaus Copernicus (1473-1543), geschaffen von Jozef Kopczynski. Der Name Copernicus erscheint hier gar nicht, statt dessen die Inschrift Sol omnia regit - die Sonne regiert alles. Wir hätten dieses Denkmal ebensogut in dem Kapitel über darstellende Geometrie im weiteren Sinne besprechen können. Sollte nun ein Besucher dieser Ausstellung fragen, ob bzw. wieso Copernicus denn ein Mathematiker war, so gibt es zwei Antworten: Erstens, im Verständnis des 15./16. Jhs. ist Astronomie eine mathematische Wissenschaft (vgl. die Ausführungen zum Quadrivium). Zweitens, der größere Teil des Hauptwerkes De revolutionibus orbium coelestium (1543) des Copernicus ist auch aus heutiger Sicht rein mathematischer Art. Insbesondere spielte es eine wichtige historische Rolle in der Entwicklung der Trigonometrie.


Und sie bewegt sich doch (Galileo Galilei)

Auch die (wiederum in zwei Abgüssen existierende) Galileiplastik von Fritz Cremer (1906-1993) ist nicht naturalistisch. Im Grunde scheint sie sich mehr auf Bert Brecht und sein Galilei-Drama als auf Galilei selbst zu beziehen. Wie bei Copernicus ist auch im Fall Galilei die Frage des Laien berechtigt, ob es sich denn bei Galilei um einen Mathematiker handelt. Die naheliegende Antwort, dass Galilei mit seinen Wurf- und Fallgesetzen das Tor zur mathematischen Formulierung physikalischer Gesetze aufstieß (Mathematik ist laut Galilei die Sprache, in der das Buch der Natur geschrieben ist), dass er viele fruchtbare Fragen aufwarf, z.B. nach der mathematischen Beschreibung der Zykloiden oder der sogenannten Kettenlinie, kann man noch hinzufügen, dass Galilei anscheinend als erster, rund 200 Jahre vor Bolzano und 270 Jahre vor Georg Cantor, auf "Paradoxien des Unendlichen" aufmerksam machte: Die Quadratzahlen zum Beispiel lassen sich nach Galilei, obwohl sie anscheinend nur einen kleinen Teil der natürlichen Zahlen darstellen, umkehrbar eindeutig den natürlichen Zahlen zuordnen. Ist demnach hier, im Widerspruch zum 8. Axiom Euklids, das Ganze gleich einem seiner echten Teile?


David Hilbert

Die oben gestellte Frage nach dem künstlerischen Wert von porträtähnlichen Bildern seit Erfindung der Fotografie lässt sich ohne Worte durch das ebenfalls (wie Liebermanns Felix Klein) im Göttinger Mathematischen Institut hängende Bild des berühmten Mathematikers David Hilbert (1862-1943) beantworten.


Da ist uns der Holzschnitt lieber, mit dem wir unsere Galerie beschließen.

Felix Hausdorff "Poeta laureatus"

Der berühmte Mathematiker Felix Hausdorff (1868 - 1942), der von 1913 bis 1921 an der Universität Greifswald lehrte, verkehrte während seiner Leipziger Jahre viel in Künstlerkreisen und schrieb unter dem Pseudonym Paul Mongré selbst philosophisch-belletristische Texte sowie ein Theaterstück. Den hier gezeigten, Hausdorff gut karikierenden Holzschnitt mit dem Titel "Poeta laureatus" schuf Hanns Alexander Müller 1910 nach einer Zeichnung von Walter Tiemann. Zur besseren Beurteilung stellen wir unseren Besuchern eine Porträtfotografie von Hausdorff daneben.




Holzschnitt von Reisch

Die Schule von Athen

Euklid auf dem Schönen Brunnen (Nürnberg)

Frontispiz zu Opera Omnia

Hand aus den Musei Capitolini

Antike Büste des Archimedes

Archimedes-Plastik von Gerhard Thieme

Archimedes-Plastik in Güstrow

Archimedes' Tod

Buchillustration mit Nicole de Oresme

Stephansdom in Wien

Porträt des Euklid

Pacioli mit Guidobaldo da Montefeltro

Als Geburtsjahr Fermats wird meist 1601 angegeben, nach neuesten Erkenntnissen handelt es sich dabei aber wahrscheinlich um einen Halbbruder gleichen Vornamens, der 1608 bereits verstorben war [Barner, 1999].


Newton von W. Blake

Büste von Rysbrack

Grabmalsentwurf

Porträt von René Descartes

Seitenverkehrte Kopie

Jugendbild Descartes

Descartes-Porträt von Weenix

Simsfigur im Louvre

Porträt von Christoph Clavius

Rumänische Briefmarke

Ungarische Briefmarke

Porträt von Felix Klein

Vigelands Abel

Abel-Denkmal in Oslo-Blindern

Abel-Denkmal in Froland Verk

Bernard Bolzano

Copernicus-Denkmal in Torun

Und sie bewegt sich doch (Galileo Galilei)

David Hilbert

Felix Hausdorff

"Poeta laureatus"
KONTAKT
Institut für Mathematik und Informatik
Walther-Rathenau-Straße 47
17487 Greifswald
Tel.: +49 (0)3834 86 - 46 14
Fax: +49 (0)3834 86 - 46 40

mathinf@uni-greifswald.de
StartseiteImpressum